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Zum Tag der Deutschen Einheit: Ein Leipzig-Reisebericht

Von Otto Bürger

„Leipzig kommt!“ hatte das Marketing der Stadt in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts beschworen, als Leipzig an allen Ecken und Enden an Gebäuden und Infrastruktur noch sanierungsbedürftig war. Andererseits hatten die Menschen der Stadt mit den Montagsdemonstrationen großen Mut bewiesen. Was die Floskel daher genau bedeuten sollte, bleibt – wie bei Marketingsprüchen häufig – etwas blumig. Der damalige Bundeskanzler Kohl hatte blühende Landschaften versprochen, und nach Leipzig ist schon früh viel Geld geflossen. Als ich jetzt am Wochenende – gut 25 Jahre später und unmittelbar vor dem Tag der Einheit – Leipzig einen erneuten Besuch abstattete, konnte ich eine durchsanierte, an vielen Ecken hübsch rausgeputzte und sehr lebendige Stadt erleben. Aber wo ist Leipzig angekommen? Im Folgenden ein paar Eindrücke mit dem einen oder anderen Vergleich zu Bremen.

Gemäldeausschnitt
„Gesang vom Leben“ – Ausschnitt aus dem Fresko im Leipziger Gewandhaus (Foto: O. B.)

Angereist mit der Bahn erreiche ich den riesigen Kopfbahnhof. Dieser wurde bereits 1997 durch einen umfangreichen Umbau der Empfangshalle in Teilen in ein Einkaufzentrum verwandelt. Trotz der Größe (18 Bahnsteiggleise) hat der Bahnhof mit rund 120.000 Reisenden pro Tag weniger Durchsatz als der deutlich kleinere Bremer Hauptbahnhof (9 Bahnsteiggleise) mit 147.000 Reisenden pro Tag. Dabei zählt die sächsische Stadt mit 625 Tausend Einwohnern sogar etwa 55 Tausend Einwohner mehr als unsere Hansestadt.

Es ist bestes Wetter, und in der Innenstadt fallen die vielen Geschäfte und schönen Passagen besonders ins Auge. Die alten Messehäuser wie Specks Hof sind durchweg in Einkaufspassagen verwandelt und neue Kaufhäuser dazu gebaut worden. Sicher gibt es auch Leerstand, aber für mich aufgrund der Fülle an Geschäften nicht so auffallend wie in Bremen oder andernorts in Deutschland. Ich schätze, dass Leipzig locker auf die dreifache Verkaufsfläche im Einzelhandel im Vergleich zu Bremen kommt. Die Innenstadt ist gut belebt und voller Menschen. Es sind gerade Markttage mit zusätzlichen Verkaufsständen auf den Plätzen. Das trägt sicher auch zur urbanen Lebendigkeit bei. Aber gibt es auch entsprechende Kaufkraft?

Die aus Anlass des Einheitstages verbreiteten Meldungen in den Medien berichten dagegen etwas deutlich anderes. So ist etwa vom Niedriglohnsektor im Osten oder den immer noch niedrigen verfügbaren Einkommen privater Haushalte (89 % im Vergleich zum Westen) die Rede. Das passt nicht wirklich zu den Eindrücken, die man in Leipzig gewinnt. Allerdings gibt es neben dem Reichtum, den die sanierten herrschaftlichen Gebäude ausstrahlen, auch die andere Seite. So ist die sichtbare Armut (bettelnde Menschen, Obdachlosigkeit) nach subjektivem Empfinden durchaus mit der Situation in Bremen vergleichbar. Sie erscheint allerdings durch den Gegensatz zu den herausgeputzten Bauten umso krasser.

Tourismus scheint eine bedeutende Rolle zu spielen. Gleich zwei „Hop-on-hop-off“-Busunternehmen bieten Stadtrundfahrten an, und viele Hotels sind entstanden. So machten wir beim Frühstück in unserem gut ausgebuchten Hotel die Bekanntschaft mit einem Ehepaar aus den USA. Wer es mag, kann mit dem Touristenbus viele Sehenswürdigkeiten kennenlernen und einen Überblick von der Industriekultur in Plagwitz bis zum Völkerschlachtsdenkmal gewinnen.

Das Goethedenkmal auf dem Naschmarkt vor der Alten Börse (Foto: O. B.)

Ansonsten bietet es sich auch an, Leipzig per Rad zu erkunden. Es gibt zahlreiche Radstrecken. Am Innenstadtring ist eine Autofahrspur jetzt für Radler reserviert. Radpremiumrouten sind ein Trend, der also nicht nur in Bremen verfolgt wird. Leipzig bietet aber mit den Parks, wie dem Clara-Zetkin-Park oder dem Auenwald, ebenfalls viel Grün zum Radeln.

Ein Konzert im Gewandhaus lohnt selbstredend. Besonders begeistert waren wir von der After-Show-Veranstaltung in der benachbarten Moritzbastei. Der Violinsolist Pekka Kuusisto hat mit vier Gewandhausmusikern ein kleines, intimeres Zusatzkonzert gegeben. Besonders, bewegend und sehr berührend.

Gefallen hat uns auch die Tour per Boot über die Weiße Elster und den Karl-Heine-Kanal. Die beeindruckende Industriekultur von Plagwitz und die aufwendig sanierten und in Wohnungen verwandelten Industriegebäude und Kaufmannsvillen in dem Stadtteil sind vom Wasser aus zu bestaunen. Hier stellt sich wiederum die Frage, wer wohnt dort? Wer kann sich das leisten?

Leipzig ist die deutsche Stadt mit den wenigsten Eigenheimbesitzern. Die Eigenheimquote kommt gerade Mal auf einen Wert von elf Prozent. Im Land Bremen liegt die Eigenheimquote dagegen bei relativ hohen 38 Prozent, und darin ist das nicht gerade auf Rosen gebettete Bremerhaven mit enthalten. Ist man in Leipzig also schon da, wo es laut WEF hingehen soll: „Du wirst nichts besitzen, aber glücklich sein“?

Am Samstag ging es dann noch schnell zu den Motetten in die Thomaskirche. Bach, Orgelmusik und Chorgesang vom Allerfeinsten. Es sang das Leipziger Vocalensemble. Die Thomaner hatten am Abend noch ein Konzert im Rahmen der Veranstaltung „Bach300“. Dass der Virologe Drosten im Rahmen dieses Konzertes als Ehrengast eine Ansprache hielt, kann man sich nicht ausdenken. Es soll zumindest vereinzelt Buh-Rufe gegeben haben.

Die Spinnerei im Stadtteil Plagwitz mit Künstlerateliers, Galerien, Werkstätten, Architekten, Designern, Schmuck- und Modemachern war für uns auch ein lohnenswerter Besuch. Aus der ehemaligen Baumwollspinnerei, die Anfang des 20. Jahrhunderts die größte in Kontinentaleuropa darstellte, wurde am Beginn des 21. Jahrhundert eine der interessantesten Produktions- und Ausstellungsstätten für zeitgenössische Kunst und Kultur in Europa. Die Ausstellung „Mahagonny“ von Ulrike Theusner (Jg. 1982) in der Galery Eigen + Art spiegelt meine Eindrücke und Empfindungen gut wider. Hier ein Auszug aus dem Ausstellungsprospekt: „Mahagonny – das ist die von Berthold Brecht und Kurt Weill erfundene Stadt des zügellosen Hedonismus. Dort kein Geld zu haben, ist ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wird. Man ist erschrocken, wie sehr jene Welt unserer Gegenwart gleicht. […] Hier wird das bestürzende Bild einer Gesellschaft entworfen, die vor lauter Möglichkeiten nichts mit sich selbst anzufangen weiß und zwischen grausamem Burn-out und tödlicher Langeweile schwankt, die ihre Angst vor dem Selbst und vor dem Tod durch immer neue Sinneseindrücke zu betäuben sucht.”

Zum Abschluss unseres Leipzig-Besuchs gab es einen Bummel über die Karl-Liebknecht-Straße, von den Leipzigern liebevoll „Karli“ genannt. Die Straße im Stadtteil Connewitz ist in etwa vergleichbar mit dem Viertel in Bremen. Die „Feinkost“ mit der Löffelfamilie, eine Leuchtwerbung aus DDR-Zeiten, erfreut mich immer wieder. Den Abschluss fanden wir im Café „Maître“.

Insgesamt habe ich Leipzig als „etwas drüber“ empfunden – wie den Kojoten im Zeichentrickfilm, der über die Klippe rennt und noch etwas in der Luft hängt, bevor er in die Tiefe stürzt. In Bremen ist der Abschwung für mich schon deutlicher wahrnehmbar. Sei Leipzig der Moment noch gegönnt.

Dieser Text spiegelt die Ansichten und Ziele einer Einzelperson wider. Er stellt nicht die offizielle Haltung des Landesverbands oder der Gesamtpartei dar. Sachliche Kritik und Gegenmeinungen werden an dieser Stelle gern veröffentlicht.