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Was ist Gesundheit? – Ein Diskussionsbeitrag

von Hartmut Reinke

Laut unserer AG Gesundheit soll dem Erhalt der Gesundheit Vorrang gegeben werden vor der Behandlung von Krankheiten, unter anderem durch flächendeckende frühzeitige Aufklärung. So weit, so gut. Aber leider wird nicht klar gesagt, was Gesundheit ist bzw. welches Verständnis von Gesundheit dieser Forderung zugrundeliegt. Darum möchte ich einige persönliche Gedanken dazu ergänzen.

Ich verstehe Gesundheit als mehrdimensionales Phänomen. Jeder, der sich zum Thema „Gesundheit“ äußert, geht von bestimmten Grundannahmen aus, die sich zum Teil mit denen anderer überschneiden, zum Teil aber auch sehr weit auseinander liegen. Ich stütze mich bei meinem Verständnis von Gesundheit auf die „Acht Maximen für die integrative und interdisziplinäre Formulierung von Gesundheits- und Krankheitsdefinitionen“ (Hurrelmann 2000 & 2006; hier nach: Hurrelmann/Richter 2013, 139-146), die ich nachfolgend vorstellen möchte:

  1. Gesundheit und Krankheit ergeben sich aus einem Wechselspiel von sozialen und personalen Bedingungen, welches das Gesundheitsverhalten prägt.
  2. Die sozialen Bedingungen (Gesundheitsverhältnisse) bilden den Möglichkeitsraum für die Entfaltung der personalen Bedingungen für Gesundheit und Krankheit.
  3. Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts, Krankheit das Stadium des Ungleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene.
  4. Gesundheit und Krankheit als jeweilige Endpunkte von Gleichgewichts- und Ungleichgewichtsstadien haben eine körperliche, psychische und soziale Dimension.
  5. Gesundheit ist das Ergebnis einer gelungenen, Krankheit einer nicht gelungenen Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen.
  6. Persönliche Voraussetzung für Gesundheit ist eine körperbewusste, psychisch sensible und umweltorientierte Lebensführung.
  7. Die Bestimmung der Ausprägungen und Stadien von Gesundheit und Krankheit unterliegt einer subjektiven Bewertung.
  8. Fremd- und Selbsteinschätzung von Gesundheits- und Krankheitsstadien können sich auf allen drei Dimensionen – der körperlichen, der psychischen und der sozialen – voneinander unterscheiden.

Ein Thema ist mir jedoch in der Gesundheitsdebatte sehr wichtig. Es dreht sich hier um den Komplex Solidarität – Selbstverantwortung – Selbstbestimmung und damit auch um die Freiheit des Einzelnen. Lassen Sie mich dies am Thema „Rauchen“ darstellen. Man könnte nun behaupten, der Raucher sei ein „verantwortungslos“ Handelnder, der auf Kosten anderer sein Fehlverhalten auslebt. Dabei gibt es jedoch verschiedene Punkte zu berücksichtigen:

Wer definiert, was „zuviel“ ist? Ist der Raucher, der zwei Zigaretten raucht, schon verantwortungslos oder erst der mit der täglichen Schachtel? Wird hier überhaupt die individuelle Schwelle berücksichtigt, bei der das Rauchen schädlich wird? Wir kennen alle das Beispiel vom Großvater, der zwei Schachteln am Tag rauchte und bei bester Gesundheit 96 Jahre alt wurde, wohingegen der andere bei nur drei Zigaretten täglich mit 60 an Lungenkrebs verstarb.

Zudem kann man diese Risikoabwägung auf alle Lebensbereiche übertragen: Wie viel Radfahren in welchen Situationen, wie viel Klettern, Bungeejumping, Skilaufen, Tauchen, wie viel Essen, Trinken, wie viel Körperkontakt ist denn unter Solidaritätsaspekten noch vertretbar und was warum nicht?

Betrachten wir nun den Begriff „Solidarität“ in Bezug auf Gesundheit bzw. Gesundheitsförderung genauer. Ich will meine Solidarität nicht beschränken oder nur denen widmen, die sich meiner Meinung nach „korrekt“ verhalten. Damit würde nämlich – über den Umweg der „Pflicht zur Gesundheit“ – Gesundheitsförderung zum Zwang und letztlich zur Gesundheitsdiktatur. Gehorsam würde an die Stelle von Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Frei-Sein treten.

Weil ich an die Freiheit glaube und an die Kraft einer Gemeinschaft, diese Freiheit in Vielfalt zu ermöglichen und zu fördern, zahle ich mit meinen Krankenkassenbeiträgen auch für die, die in meinen Augen Idiotisches tun. Es geht mir also nicht und niemals um direkten oder indirekten Zwang zur Gesundheit, sondern um das bestmögliche Verwenden der Mittel wie z. B. Geld, Personal, Infrastruktur.

Wir leben aktuell in einem System, das von der Krankheit lebt und nicht für die Gesundheit. Warum müssen sich Krankenhäuser „rechnen“? Warum wird das „medizinisch Notwendige“ definiert und finanziert, nicht jedoch die Verbesserung der Lebensqualität?

Das würde ich ändern wollen. Ich würde aktiv gegen die Dominanz der Betriebswirtschaft vorgehen. Wenn es gelänge, dem Gesundheitswesen einen Stellenwert jenseits der Wirtschaftlichkeit zu verschaffen, es eben als etwas zu verstehen, das die Gesellschaft will – und nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Errungenschaft, als Ausdruck ihrer Zivilisation betrachtet und schätzt –, wären wir einen großen Schritt weiter in Richtung einer Ethik der Solidarität und Selbstbestimmung.

Alles andere wäre in meinen Augen gefährlich, denn es öffnet Diskussionen die Tür zu moralischen, sozialen und juristischen Zwängen und somit zu einem Diktat der „einzig wahren Gesundheit“. Letzteres hat mit dem Begriff von Gesundheit, wie ich ihn verstehe, nicht viel zu tun. Ich setze auf Aufklärung und Information als Grundlage von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung.

Zu zwei anderen Forderungen, die im Text der AG Gesundheit erwähnt sind, würde ich gern noch Folgendes ergänzen:

Zu „Freie Wahl der Therapie für jeden Menschen. Jeder darf selber bestimmen, welcher Methode, welchem Therapeuten oder Heiler oder Arzt er vertraut“

Ich denke, hier geht es nicht um die Frage der freien Therapie- und Therapeutenwahl, denn die haben wir ja, sondern um die Frage der Kostenübernahme. Selbstverständlich können Krankenkassen derzeit jedoch die Entscheidung für einen Therapeuten oder eine Therapierichtung erleichtern oder erschweren, indem sie für das eine die Kosten übernehmen, für das andere jedoch nicht. Hier wünschen wir uns eine echte freie Wahl für bewährte Heilmethoden durch Kostenübernahme von Seiten der Krankenkassen.

Zu „Die Krankenkassen bestimmen selber, welche Leistungen sie bezahlen. Sie werden von den Versicherten gesteuert, nicht von wirtschaftlichen Interessen“

Nach der gültigen Sozialgesetzgebung sind Krankenkassen selbstverwaltete Körperschaften. Sie bestimmen selbst – und unterliegen dabei mitunter gesetzlichen Bestimmungen. Damit können sie sich jederzeit auf Parlamente berufen. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, dass die Krankenkassen von den Versicherten gesteuert würden. Auch hier bräuchte man jedoch ein Regelwerk, das den Rahmen in Hinblick auf Solidargemeinschaft und (oder gar versus) Wirtschaftlichkeit absteckt.

Dieser Text spiegelt die Ansichten und Ziele einer Einzelperson wider. Er stellt nicht die offizielle Haltung des Landesverbands oder der Gesamtpartei dar. Sachliche Kritik und Gegenmeinungen werden an dieser Stelle gern veröffentlicht.

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